FOMO

blauer Himmel mit grünen Blättern am linken oberen Rand. Am rechten oberen Rand ist ein Dach zu erkennen

Das Wetter ist schön, das heißt, die Sonne scheint, es regnet nicht. Der Sommer ist da. Zeit für Freibad, Festival und Freunde.

Ich scrolle durch Instagram. Menschen sind unterwegs, überall. Immer auf Achse. Umgeben von Freunden, mit Freunden unterwegs. Während ich scrolle, bin ich zu Hause und werde neidisch. Ja. Neidisch. Wie gerne würde ich auch zu denen gehören, die da draußen mit Freunden Dinge unternehmen. Ich will nicht ins Freibad oder einen Strandurlaub am anderen Ende der Welt machen. Ich will eigentlich gar keinen Strandurlaub machen. Was ich will ist ganz einfach: nicht einsam sein. Nicht diejenige sein, die von allen vergessen zu Hause sitzt, auf Instagram all die tollen Sachen sieht und sich nicht mal traut, alleine zu einem Lesefest in der Stadt zu gehen.

Ich bin nicht alleine. Mein Mann ist ja auch noch da. Aber wir sind keine Einheit, wir treten nicht zu zweit immer auf. Jeder von uns kann unabhängig voneinander was machen. Und wenn ich zum Lesefest gehen will, er aber nicht, dann kann ich alleine dahin gehen oder mit Freunden. Was für Freunde? Ich hätte jemanden fragen können, ob sie mitkommt. Aber was, wenn sie keine Zeit hat? In Urlaub ist? Ihre Kinder krank sind und sie nicht kann? Sie mit der Familie was anderes schon geplant hat? Besser also alleine gehen.

Das Ding ist: ich hab mich alleine nicht hin getraut. Wie sieht das denn aus? Mit wem soll ich denn da reden? Es werden mich alle nur angucken und denken, dass ich alleine bin, dass ich niemanden habe, sich fragen, warum ich alleine da bin. Mein Selbstwertgefühl sinkt alleine schon bei dem Gedanken, alleine irgendwohin zu gehen. Alleine in einer großen Gruppe Menschen, fühle ich mich klein, nervös, ich spiele mit den Fingern, tippe auf meinem Handy, als wäre ich beschäftigt, einfach nur, um mich abzulenken. Ich fühle mich dann nicht wie 40, sondern wie 10.

Ich erinnere mich an den Sportunterricht. Immer, wenn Gruppen gebildet wurden, war ich noch übrig. Auch heute noch fühle ich mich so. Unsichtbar, nicht beachtet. Auf Menschen zugehen? Kann ich nicht. Und wenn doch, dann plappere ich, als müsste alles raus. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich verhalten soll. Die Pandemie hat etwas in mir hinterlassen oder vielmehr etwas aus mir gerissen.

Ich habe Angst, etwas zu verpassen. Ich will in die Welt, aber nicht zu sehr hinaus. Ich brauche nicht viel. Aber etwas weniger Einsamkeit, etwas mehr sehen, etwas mehr erleben und etwas mehr trauen. Nicht vergessen werden, nicht ignoriert, abgestellt, übersehen.

Ich sollte weniger auf Social Media scrollen. Social Media ist eh nur gestellt. Vielleicht sind die Menschen dort auch einsam und tun nur so, als wären sie es nicht. Vielleicht bin ich nicht alleine mit meinen Gefühlen. Vielleicht geht es anderen genauso wie mir. Und niemand weiß es. Wir sind vielleicht alle irgendwie einsam, jeder für sich, ohne darüber zu reden. Manche sind vielleicht einfach nur besser darin, es zu verstecken.


Zum Thema lese ich gerade übrigens "Einsamkeit - Warum sie uns alle betrifft" von Prof. Dr. Maike Luhmann, gekauft in der Buchhandlung Schmetz am Dom.

Vom 22. bis zum 28. Juni findet außerdem eine Aktionswoche gegen Einsamkeit statt, organisiert vom Kompetenznetz Einsamkeit. Leider gibt es keine Veranstaltung in Aachen.