Freundschaften

Uschi schreibt in ihrem Blogartikel "Wehmut" davon, dass sie zufällig ihre älteste und beste (mittlerweile nicht mehr) Freundin getroffen hat und das diese Begegnung in ihr ein Gefühl von Wehmut ausgelöst hat.

Eine solche Freundschaft, wie sie es beschreibt, hatte ich nie. In meiner Schulzeit, zumindest bis ich etwa 14 war, hatte ich eine Freundin, die ich als meine beste Freundin bezeichnen könnte. Ich war immer die, die nicht beliebt war und lieber still im Unterricht war, still und brav. Es gab auch Zeiten, da wurde ich gehänselt, es wurden mehr oder weniger kreative Spitznamen für mich ausgesucht. Im Schullandheim bekam ich Heimweh und musste abgeholt werden - das war jeweils in der 5. und 6. Klasse.

Ich war, wie eine fünfjährige mich mal bezeichnet hat, als ich neun war, ein "Kräutchen Rühr mich nicht an". Selbst mit meiner besten Freundin dabei, konnte ich nicht im Schullandheim bleiben.

Meine beste Freundin war in allem sehr gut. Ich war durchschnittlich, introvertiert und eine graue Maus. Es gab noch ein paar andere Mädchen, mit denen ich mich soweit verstand, dass ich mich schon mal mit ihnen traf oder zum Geburtstag eingeladen wurde. Im Unterricht saß ich aber immer neben meiner besten Freundin und auch die Pausen verbrachten wir so gut wie immer zusammen. Sie war immer sehr vernünftig und korrekt. Ich war keine Rebellin und traute mich nicht viel.

Dann entwickelte ich eine Angststörung. Ich glaube, es ist für viele schwer, mit einer Person befreundet zu sein, die eine psychische Erkrankung hat. Vor allem, wenn man noch sehr jung ist. Rückblickend hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht. Aber kann man das von vierzehnjährigen erwarten?

Es begann also eine schwierige Zeit, in der ich oft in der Schule fehlte oder früher nach Hause ging, weil es mir nicht gut ging. Es gab in der Schule auch keine Sozialpädagogen, die da waren, zuzuhören bei Problemen. Sowas hab ich erst später auf dem Berufskolleg kennengelernt.

Mein erster Klinikaufenthalt 2001 war ein einschneidendes Erlebnis, würde ich sagen. Er war quasi die letzte Hoffnung für meine Eltern. Ich weiß nicht mehr genau, zu welchem Zeitpunkt, aber es muss vorher gewesen sein, rief meine beste Freundin an. Meine Mutter ging ans Telefon und meine beste Freundin sagte ihr, dass es besser wäre, wenn sie und ich erst mal keinen Kontakt hätten. Weil es auch für sie schwer wäre, glaube ich.

Ich hatte niemanden. Abgesehen von meinen Eltern und meinem Bruder. Niemand erkundigte sich nach mir. Auch nicht, als ich in der Tagesklinik war. Ich bekam auch keine Unterlagen von der Schule in die Klinikschule geschickt. Dabei war ich nicht die einzige aus meiner Klasse, die in der Klinik in Behandlung war. Zu dem Zeitpunkt war ich die einzige, bzw., wie ich heute in meinem Tagebuch gelesen habe, war noch ein Mädchen in der Tagesklinik, die zuvor neu zu uns in die Schule gekommen war. Hätte ich das nicht in meinem Tagebuch gelesen, hätte ich es nicht mehr gewusst.

Freundschaften in der Klinik sind schwierig. Zwar sind wir alle irgendwie verbunden durch unsere psychischen Erkrankungen, aber alle sind unterschiedlich, kommen aus unterschiedlichen Schichten. Und im Grunde waren wir ja nicht da, um Freundschaften zu schließen. Die Zeit in der Tagesklinik war jedenfalls nicht gut.

Am letzten Schultag fuhr ich zu meiner damaligen Schule, um mich zu verabschieden. Ich erinnere mich daran gar nicht mehr. Auf Anraten der Ärzte sollte ich auf die Realschule wechseln und dort die neunte Klasse wiederholen. Zunächst hieß es, ich müsste nur die neunte wiederholen. Aber die Ärzte waren der Meinung, ich sei auf dem Gymnasium überfordert. Heute, mehr als 20 Jahre später, kann ich sagen: das war ein Fehler. Ich war nicht überfordert. Ich hatte eine Angststörung und Panikattacken - im Unterricht!

Meine beste Freundin und ich, wir blieben in Kontakt. Es war komisch, an einer anderen Schule zu sein, ohne sie. Die Realschule war anders, ganz anders. Es war eine ganz andere Welt für mich. Hier konnte ich aber vielleicht einen Neuanfang machen und nach der zehnten Klasse wieder zurück aufs Gymnasium wechseln. Immerhin schloss ich Freundschaften. Leider hat keine bis heute gehalten.

Ich habe nach der Realschule noch viele Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen und auch Beziehungen gehabt. Ich habe sogar zweimal jeweils eine Woche mit unserer Musical-AG in der Landesmusikakademie in Heek verbracht. Etwas, was ich mir vorher nie zugetraut hätte.

Den Realschulabschluss machte ich auf einem Berufskolleg, blieb dort, weil ich nicht weiter wusste und machte noch die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe. Es gab immer Menschen, auf die ich damals zählen konnte, mit denen ich reden konnte, die für mich da waren. Auch bei der schulischen Ausbildung fühlte ich mich wohl und ich war nie alleine. Doch auch diese Freundschaften verliefen sich schnell. Man blieb auf Facebook befreundet, aber sonst wars das.

Auch außerhalb der Schule hatte ich Freunde, die aber eher Freunde meines damaligen Freundes waren und somit mit dem Ende der Beziehung ebenfalls endeten.

In meiner Ausbildung fand ich Rückhalt bei meinen Kolleginnen. Mit ihnen machte die Ausbildung Spaß. Der Kontakt blieb noch eine Weile danach, aber, wie immer, verloren sich auch diese Freundschaften. Als ich mein Abitur nachholte und auch später studierte, passierte das ebenfalls. Keine Freundschaft war für immer.

Eine Freundin hat mich geghostet. Ich bin vielleicht auch nicht die beste im Aufrechterhalten von Freundschaften, aber irgendwann kam von ihr auch nichts mehr. Auch die kleine Schreibtreffen-Gruppe, die ich seit 2013 in etwa besuchte, hat sich irgendwann während der Pandemie wortlos aufgelöst.

Was ist aus meiner besten Freundin geworden? Ich weiß es nicht. Bis vor wenigen Jahren hatten wir noch sporadisch Kontakt. Aber dann kam nichts mehr.

Heute, mit 40, fällt es mir schwer, neue Freundschaften aufzubauen. Manche sind während der Pandemie etwas zerlaufen. Auch Kinder spielen eine Rolle. Ich verstehe aber, dass Menschen mit Kindern eher was unternehmen möchten mit anderen Eltern und deren Kindern.

Als ich mein Tagebuch von 2001 gelesen habe, war ich etwas wehmütig. Die Zeit war keine gute, aber wenn ich noch mal zurück in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich mein Leben damals anders leben? Könnte ich meinem damaligen Ich sagen, dass alles gut wird? Würde ich alles noch mal genauso machen? Und was ist aus den Personen geworden von damals? Ich denke besonders an eine Person, die ich im Internet und fast zwei Jahre später in echt getroffen habe. Wir waren noch jung und hatten verschiedene Wege vor uns. Die Beziehung konnte so natürlich nicht halten. Wir hatten noch lange danach sporadisch durch Facebook und Co Kontakt, aber mittlerweile nicht mehr. Wie geht es der Person heute?

Denken die Menschen aus der Zeit damals, noch an mich? Erinnern sie sich überhaupt noch daran? Manche, vor allem die Ärzte, hätten sicher nicht geglaubt, dass ich es schaffen würde. Zumindest damals, kurz bevor ich 18 wurde und diesmal in stationärer Behandlung war. Als ich eigentlich extern zur Schule sollte, ich aber nach Hause gefahren bin und meiner Mutter gesagt habe, dass es mir in der Klinik nicht gut geht. Dass ich da nicht mehr sein möchte. Der Arzt hat zu uns gesagt, dass ich es ohne sie nicht schaffen werde, wieder zur Schule zu gehen. Er hatte recht, zumindest für die nächsten Monate. Aber eine ambulante Therapie und ein erneuter Schulwechsel sowie neue Freundschaften, haben mir geholfen. Und ich habe es sogar geschafft, das Abitur nachzuholen. Mein Mann stand dabei immer hinter mir und ohne diese Stütze hätte ich vielleicht aufgegeben.

Jetzt habe ich zwar im echten Leben fast keine Freundschaften mehr. Aber es gibt online eine kleine Gemeinschaft, die ich seit Ende 2019 in mein Herz geschlossen habe und die mir sehr viel bedeutet.