Social Media: Verbot für Jugendliche?
Als ich 1992 eingeschult wurde, steckte das kommerzielle Internet noch in den Kinderschuhen. Soweit ich mich erinnern kann, zog bei uns das erste Modem Mitte der 90er ein. Mein Vater hatte bereits in den 80ern einen Computer und deshalb bin ich immer um Computer herum aufgewachsen. Ich saß im Grundschulalter vor dem Computer im Wohnzimmer und spielte Day of The Tentacle und Prince of Persia. Andere hatten Spielekonsolen zu Hause, ich einen Computer.
Ich sah meinem Vater immer zu, wenn er seinen Computer zusammenbaute und natürlich zog, als ich etwa 12 Jahre alt war, sein alter Computer bei mir ins Kinderzimmer ein - samt altes Modem, ein schwarzer Kasten.
Mir hat niemand beigebracht, wie ich das Internet zu nutzen habe, worauf ich genau aufpassen soll und was das alles überhaupt genau ist. Genau wie mein Vater, habe ich selber herausfinden müssen, was das Internet kann. Er hat mir sicherlich gezeigt, wie ich mich verbinde (über DFÜ), aber der Rest? Learning by Doing!
Mittlerweile wachsen Kinder mit dem Internet auf, aber nicht mit dem Internet, was wir früher hatten. Stattdessen ist alles nur einen Fingerwisch entfernt. Das Internet ist immer dabei, man kann ihm quasi gar nicht entkommen. Während wir im Gymnasium einen Computerraum hatten, in dem wir im Unterricht im Internet recherchieren sollten, haben wahrscheinlich heute viele Schulen iPads oder zumindest andere Tablets direkt in den Klassenzimmern.
Ich erinnere mich noch an den Computerraum. Bevor er zum Computerraum umgebaut wurde, standen dort reihenweise Tische mit Kassettenrekordern eingelassen. Im Englischunterricht hörten wir dort die zum Englischbuch passenden Kassetten. Schließlich kam der Umbau und mit ihm wurden große runde Tische oder Arbeitsplätze gebaut, in deren Platten Monitore eingelassen waren, sodass die Oberfläche frei war. Das muss so Ende der 1990er bzw. Anfang der 2000er gewesen sein. Ich hatte seit 1998 meine E-Mailadresse bei web.de und musste die Mails abrufen. Meine Tischnachbarin sah, wie ich die Adresse eingab (also das übliche mit http und : und // und www und dann web.de. Die Tischnachbarin war eine von denen, die mich immer ärgerte und als Spitznamen für mich "Gülle Grunzgrunz" hatte (als Anlehnung an meinen Nachnamen, gepaart mit Grunzgeräuschen?! Ich erinnere mich, dass die eine Glubschaugen und ein Pferdegebiss hatte ... nunja.). Jedenfalls meinte die ohne Glubschaugen und Pferdegebiss, die neben mir saß, zu mir, dass ich da nicht das web noch eintippen muss , weil da ja schon www steht und ob ich dumm sei. Ich weiß nicht mehr, wie ich reagiert hab. Aber mein 12-jähriges Ich war schüchtern und nicht schlagfertig. Heute wüsste ich die Antwort: nämlich, dass ich nicht dumm bin und ob sie vielleicht nicht wisse, was ich da gerade eingebe.
In der Schule lernten wir keine Medienkompetenz bezüglich Internet. Für die Lehrenden war das ja auch etwas Neues.

Bis ich allerdings Internet auch in der Hosentasche mit mir herumschleppen konnte, dauerte es noch etliche Jahre. Zwar kaufte mein Vater 2000 unser erstes handy, mit dem man theoretisch auch ins Internet konnte (über WAP - erinnert ihr euch noch daran?). Aber Handys waren damals eigentlich nur zum Telefonieren und SMS schreiben.
Als 2007 das erste iPhone rauskam, fand ich das lächerlich. Was sollte man damit tun? Sowas war doch nur was für Geschäftsleute! Bis ich dann drei Jahre später selber ein iPhone in der Hand hielt. Seitdem, ich war 24, kann ich das iPhone gar nicht mehr wegdenken.
Social Media ist etwas, was erst aufkam, als ich bereits erwachsen war. Blogs und Chats kannte ich bereits vorher. Mit 15 oder 16 legte ich mir eine ICQ-Nummer zu. Kontrolliert, was ich gemacht habe, wurde ich nie. Alles, was ich wissen musste, lernte ich durch ausprobieren. Ich lernte Menschen übers Internet kennen, traf mich auch mit einigen. Als ich mich 2008 bei Twitter anmeldete, war Micro Blogging gerade erst im Kommen. 2010 meldete ich mich bei Instagram an und postete Fotos aus dem Alltag. Mein damaliges iPhone mussten wir jailbreaken, weil ich zunächst keinen Tarif mit Internet hatte und man beim ersten iPhone den Zugriff aufs Internet nicht einfach abstellen konnte. Zum Glück änderte sich das aber schnell und ich konnte unterwegs auch das Internet nutzen und Fotos hochladen oder mit meinem Mann (damals Freund) über KIK kommunizieren. Damals gab es iMessage noch nicht.
Ich war zu dem Zeitpunkt Mitte 20, also längst schon erwachsen. Als Jugendliche wurde mir das Internet bzw. das Chatten nicht verboten. Es kontrollierte auch niemand oder schränkte die Nutzung ein. Ich lernte selber den Umgang.
Etwas zu verbieten, macht es nur Interessanter. Musik darf man auch nicht kostenlos runterladen. Man macht es trotzdem. Man darf auch im Supermarkt nicht klauen, dennoch tun Menschen auch das. Verbietet man Kindern und Jugendlich unter 18 Jahren Social Media, wird ihnen die Möglichkeit, den Umgang zu lernen, genommen. Social Media ist gefährlich, natürlich. Das streite ich auch nicht ab. Aber es kann auch viel mehr sein. Es kann auch lehrreich sein, es kann dabei helfen, Gleichgesinnte zu treffen. Ich hätte mir sowas gewünscht, als ich Anfang der 2000er meine erste Panikattacke hatte. Ich hätte gerne gewusst, dass es noch andere da draußen gab, denen es ähnlich ging. Durch Social Media weiß ich auch, dass ich mit meiner Migräne nicht alleine bin und welche Facetten Migräne hat.
Man nimmt Kindern und Jugendlichen die Chance, gesehen zu werden, sich zu entfalten, Informationen zu erhalten, an die sie sonst nicht kommen. Ja, sie lernen auch die dunklen Seiten kennen. Aber das ist nicht das Problem der jungen Nutzenden. Sie sollten aufgeklärt werden, welche Risiken es gibt und wie sie z. B. damit umgehen, wenn sie über TikTok oder Ähnlichem von einem fremden Erwachsenen angeschrieben werden. Wenn sie das erst alles mit 16 oder gar 18 Jahren kennenlernen, sind sie vielleicht überfordert. Dabei kann man Social Media oder das Internet generell doch im Unterricht einbinden. So wie wir früher unsere Kassetten gehört haben mit englischen Texten oder etwas am Computer machen konnten, z. B. Präsentationen.
Statt Social Media zu verteufeln, sollten wir dafür sorgen, dass jede*r den Umgang lernt und das es zu einem Safe Space wird statt zu einem Ort, der zu gefährlich ist für Minderjährige.
Comments ()