Kurzgeschichte: Aus der Sicht eines Gegenstands

Diese Kurzgeschichte ist zu einem Prompt von A Story A Day entstanden. Das Prompt ist von Jared Lemus und lautet:

Look up “funny news stories” or find as many local newspapers, real estate magazines, Craigslist ads, or NextDoor posts as you can. Which headlines speak to you? Some of my favorite from the last year are: “Urgent! Stolen Turkey!!!!!!” from NextDoor, “Man in Chicken Outfit Robs Supermarket” on my local news channel, and “Raccoons are at it again” on a Facebook post. Don’t read the story; make it up based on the headline.

Hier ist also mein Text. Am Ende verrate ich auch, welche Überschrift mich dazu inspiriert hat.

Jeden Tag fahre ich die gleiche Strecke. Zwei Stunden lang hin und her, kreuz und quer. Mal scheint die Sonne, mal ist es bewölkt. Mal blühen die Blumen, die akkurat am Rand stehen. Mal blühen sie nicht. Ab und zu landet ein Vogel vor mir und beäugt mich kritisch. Ich kann nicht stoppen. Ich fahre einfach weiter. Der Vogel fliegt im letzten Augenblick hoch. 

Ich drehe meine Runden, bis ich nicht mehr kann. Dann muss ich zurückkehren. Mit allerletzter Kraft schaffe ich es zurück. 

Mit neuer Energie geht es dann irgendwann wieder von vorne los. Und wieder die gleiche Strecke. Zwei Stunden lang hin und her, kreuz und quer. Ich wiederhole mich. Ab und zu landet ein Vogel in meiner Nähe. Manchmal auch auf mir und er fährt dann eine Runde mit mir mit. Er erzählt mir dann von seinem Tag. Ich höre zu. Eine Katze schleicht durch das Beet, der Vogel fliegt alamiert hoch. Die Katze schnattert, als wollte sie sich beschweren, dass ihr Mittagessen davongeflogen ist. Dann duckt sie sich und beobachtet, wie ich meine Runden fahre. Manchmal, wenn ich ausruhe, liegt die Katze bei mir. 

Es ist ein langweiliges Dasein. Ich kann das alles nicht mehr. Ich muss aus diesem Trott ausbrechen. 

Deshalb ignoriere ich meine Aufgabe eines Tages und statt meine Runden zu drehen, fahre ich gerade aus. Durch ein kleines Beet, bis ich vor einer Hecke stehe.. Ich weiß nicht, was dahinter liegt. Was mich erwarten wird. Die Katze sitzt neben mir. Sie blinzelt mich an, als wollte sie sagen: „Nur Mut, du schaffst das!“ Und dann bin ich auf der anderen auf der anderen Seite. 

Der Boden ist anders. Nicht so weich. Nicht so grün. Er ist hart und holprig. Ich rolle weiter. Die Katze begleitet mich noch ein Stück, bis sie den Rand ihres Reviers erreicht hat. Traurig blickt sie mir hinterher, als ich weiter und weiter rolle. 

Irgendwann bin ich erschöpft. Ich bin über ein kurzes Stück Rasen gefahren, aber hier ist nichts, wo ich Energie tanken kann. Ich bleibe stehen, kann mich nicht mehr bewegen. Ich schlafe ein. 

Ich werde unsanft hochgehoben und in eine dunkle Kammer gesetzt. Die dunkle Kammer rumpelt. Es rauscht. Ich höre Stimmen. Lachen. Hupen. Dann halten wir wieder an. Ich werde aus der dunklen Kammer gehievt. Wieder höre ich Stimmen. Die Umgebung ist mir völlig fremd. Ich sehe nichts Grünes, nichts Blühendes. Ich vernehme Gesprächsfetzen.

„… Wissen nicht, wem er gehört.“ 

„… Fundbüro …“

Wieder werde ich herumkutschiert, bis ich schließlich eingesperrt in einem Raum sitze. Umgeben von anderen Gegenständen. Immerhin fahre ich nicht mehr zwei Stunden lang hin und her, kreuz und quer. Aber ich vermisse die Katze und die Blumen. Vielleicht war das doch keine gute Idee. 

Ideengebung: Zufälligerweise hat auf Discord jemand einen Artikel über einen entlaufenen Mähroboter gepostet. Zu dem Zeitpunkt lautete die Überschrift aber noch "Herrenloser Mähroboter mäht fremdes Grundstück: Woher kommt er?"